BSE - Bovine Spongiforme Encephalopathie

 

  1. Ein tödliches Eiweiß

  2. Der Fehler liegt im System

  3. Die Geschichte des Wahnsinns

  4. Vorsicht! Hier lauert BSE

  5. Die normale CJK - schnelles Altern

  6. Vorbeugen statt Verharmlosen

  7. Keine 100 Prozent Sicherheit

  8. Öko-Landbau - Lebensmittel mit Qualität

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Ein tödliches Eiweiß

Die Prionentheorie gilt als wahrscheinlichste Erklärung für BSE

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Wenn sich Gehirne so auflösen, dass sie bei Untersuchungen nach dem Tode löchrigen Schwämmen ähneln, sprechen Wissenschaftler von "Transmissiblen Spongiformen Enzephalopathien" (TSE). Die Frage, welcher Erreger solche bösartigen Erkrankungen auslösen kann, beschäftigte die Forscher schon lange vor der BSE-Krise. Denn bekannt sind TSE schon seit über 250 Jahren. 1732 wurde Scrapie, die Traberkrankheit bei Schafen, erstmals beschrieben. Die Creutzfeldt-Jakob-Krankheit (CJK) beim Menschen ist seit den 20-er Jahren bekannt. 1967 erschien der erste Aufsatz, der Eiweißmoleküle in Hirn, Rückenmark und anderen Teilen des Zentralnervensystems als Auslöser von Scrapie erwog. Der amerikanische Arzt Stanley Prusiner suchte und fand in den folgenden Jahren Belege für diese Theorie und erhielt dafür 1997 den Medizin-Nobelpreis.

Lange blieb unklar, wie sich diese infektiösen Eiweißteilchen vermehren können. Schließlich haben sie im Gegensatz zu Bakterien oder Viren keine Erbsubstanz. Erst 1993 stellte Prusiner die Theorie auf, dass krankmachende Prionen eine andere räumliche Struktur haben und diese an gesunde Prionen weitergeben. Experimente haben diesen Ansatz inzwischen bestätigt.

Als die ersten BSE-Fälle auftauchten, lag die Vermutung nahe, dass es sich um eine TSE-Erkrankung ähnlich wie Scrapie handelt. Möglich ist, dass es schon früher einzelne unerkannte BSE-Fälle gab, vergleichbar der CJK beim Menschen. Aber es gilt als wahrscheinlich, dass sich die ersten Kühe der BSE-Epidemie an den zu Tiermehl verarbeiteten Kadavern von Scrapie-Schafen angesteckt haben. Dafür spricht auch, dass Anfang der 80-er Jahre in Großbritannien die Produzenten anfingen, das Mehl nur noch unzureichend zu erhitzen. Die darin enthaltenen Prionen wurden nicht mehr vollständig zerstört.

Die Verwandschaft mit Scrapie führte zuerst zur optimistischen, aber irrigen Annahme, dass BSE keine Gefahr für den Menschen darstellt. Schließlich kann auch Scrapie nicht übertragen werden. Es zeigte sich jedoch, dass der BSE-Erreger vor anderen Arten nicht halt machte. Großkatzen in britischen Zoos wie Hauskatzen, deren Futter Tiermehl enthielt, bekamen BSE. In Versuchen konnten auch andere Tierarten infiziert werden. Inzwischen gilt es als weitgehend sicher, dass BSE beim Menschen eine vorher unbekannte Variante der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit auslöst, die als vCJK bezeichnet wird.

Viele Fragen sind noch offen: Sind Tiermehl und Rindfleisch die einzigen Ansteckungswege? Wesh alb erkrankt meist nur ein Tier einer Herde? Unter welchen Bedingungen wird die Krankheit von Kühen auf Kälber übertragen? Wie viele Prionen sind nötig, um BSE auszulösen? Warum reagieren Menschen auf die Eiweißteilchen unterschiedlich empfindlich?

Die Forschung steht noch am Anfang und wurde zumindest in Deutschland bisher auch kaum gefördert. Von 1993 bis heute stellten staatliche Stellen nur 15 Millionen Mark für BSE-Forschung zur Verfügung.

 


Prion: Was ist das?

Prionen sind Eiweißmoleküle, die im Gehirn, Rückenmark und Nerven von vielen Säugetieren einschliesslich der Menschen vorkommen. Sie helfen den Nervenzellen dabei, Reize weiter zu leiten und regeln den Kupferhaushalt der Zellen. Prionen sind sehr stabile Verbindungen, die auch stundenlanges Kochen und Desinfek-tionsmittel überstehen können.

Prionen werden zu einer tödlichen Gefahr, wenn sie ihre räumliche Form ändern. Solche falsch gefalteten Prionen greifen die Nervenzellen an und zerstören im Laufe der Zeit das Gehirn. Gleichzeitig geben sie ihre krankmachende Form an gesunde Prionen weiter und vermehren sich so. Der BSE-Erreger ist ein solches falsch gefaltetes Eiweißmolekül. Da es den menschlichen Prionen sehr ähnlich ist, kann es die Artenschranke durchbrechen und auch Menschen infizieren.

Andere Ursachen für BSE?

Prusiners Prionentheorie ist die heute bei Wissenschaftlern herrschende Meinung. Weil sie Fragen offen lässt und Aspekte der BSE-Epidemie nicht vollständig erklärt, wurden auch andere Theorien entwickelt. So gibt es Wissenschaftler, die einen besonders raffinierten Virus als Erreger vermuten.

Interessant sind auch zwei etwas abweichende Ansätze: Der britische Biobauer Marc Purdey macht den Einsatz des Pestizids Phosmet für den Ausbruch der Seuche verantwortlich. Das extrem giftige Organophosphat wurde vor allem in England Rindern in hoher Konzentration auf den Rücken geträufelt, um die Larven der Dasselfliege zu bekämpfen. Im Laborversuch zeigte sich, dass Phosmet die Konzentration von Prionen an der Zelloberfläche erhöht und damit den Ausbruch der Krankheit beschleunigen könnte. Der Nachweis, dass es gesunde Prionen in infektiöse verwandeln kann, ist bisher nicht gelungen.

Möglich scheint auch eine Verbreitung des Erregers über Wachstumshormone. Diese wurden aus Rinderhirnen gewonnen und ab den 70-er Jahren in Großbritannien verstärkt eingesetzt, um die Milchleistung zu steigern. Sie könnten mit BSE-Erregern verseucht gewesen sein, die auf diese Weise viele Tiere in kurzer Zeit infizieren konnten. Bekannt ist dieser Übertragungsweg bei kleinwüchsigen Menschen. Sie wurden früher mit menschlichen Wachstumshormonen behandelt. Einige von ihnen erkrankten an CJK.

Zitat: Die Agrarwende

"Aber wenn wir den Fehler machen, es jetzt bei der Aufdeckung und Bekämpfung der aufgetretenen Krankheiten und Missstände zu belassen, statt daraus eine Perspektive für eine andere, verbraucherfreundlichere Landwirtschaft zu entwickeln, also weg von den Agrarfabriken zu kommen, werden wir das nie mehr schaffen."

Bundeskanzler Schröder am 29. November 2000 vor dem Bundestag.

Der Fehler liegt im System

BSE ist nur eine der Gefahren der heutigen Agrar-Industrie

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Seit dem 24. November 2000 ist das Leben der deutschen Verbraucher noch schwieriger geworden. Bis zu diesem Tag war "Fleisch ein Stück Lebenskraft", ein T-Bone-Steak der Gipfel an Luxus. Aus, vorbei. Die Behauptung, Deutschland sei BSE-frei, war falsch. Die Seuche hatte nicht an den Grenzen haltgemacht. Rindfleisch blieb seitdem in den Regalen liegen, bei Landwirten und Verbrauchern machte sich Angst breit und die Politik begann, ihre Versäumnisse nachzuholen.

Überraschend kam der erste "richtige" deutsche BSE-Fall nicht. Schließlich durften hierzulande bis 1994 Rinder mit Tiermehl gefüttert werden, das als Hauptüberträger der Krankheit gilt. Das dann erlassene Verbot wurde von den Behörden mangelhaft kontrolliert, verunreinigte Futtermittel, Milchaustauscher mit Rinderfett waren die Folge. An frühzeitigen Warnungen hat es nicht gefehlt (siehe Seite 2). Doch das Augenmerk der Politik lag auf dem Absatz für deutsches Rindfleisch. "Deutschland ist BSE-frei" war deshalb das amtliche Credo. Schnelltests oder die Entfernung von Risikomaterial galten als unnötige Maßnahmen, die nur Geld kosten und die Verbraucher beunruhigen. Als Folge dieser Verharmlosung hat sich eine bisher unbekannte Zahl an Menschen mit der tödlichen Creutzfeldt-Jakob-Krankheit infiziert.

Jetzt sind die Verbraucher verunsichert und es wird teuer. Die Kosten für die Entsorgung des bisher verfütterten Tiermehls schätzt man auf fast 800 Millionen Mark, die obligatorischen Tests werden 200 Millionen pro Jahr kosten. Dazu kommen 650 Millionen Mark, mit denen Bundesregierung und EU 400.000 Rinder aufkaufen wollen, die niemand mehr essen will. Wer das zahlen soll, ist offen. Bauernverband, Tiermehlhersteller und Fleischverarbeiter sehen den Bund in der Pflicht, weil sie sich auf dessen BSE-frei-Behauptungen verlassen hätten. Am Ende wird es der Verbraucher sein - und sei es als Steuerzahler.

Ebenso wie die Kosten wird die Verantwortung hin und her geschoben. Landwirte und Fleischindustrie sagen, man habe nur die Vorgaben der Politiker befolgt und ihnen geglaubt. Die Politiker lasten die Fehler der jeweils anderen Partei an und behaupten, sie hätten sich nur auf den Rat der Experten verlassen. Die Experten verweisen auf mangelnde Daten und Forschungs-Gelder. Als neuer Schuldiger ist der Lebensmittelhandel mit seinen Billigpreisen ausgemacht. Agrarkommissar Franz Fischler und Landwirtschafts-Staatssekretär Gerald Thalheim sprachen vom "Ramsch in der Ladentheke". Wissentlich hätte der Handel dafür gesundheitliche Gefahren in Kauf genommen, fügte Thalheim hinzu und erntete einen Proteststurm. Und in den Medien haben Wissenschaftler Konjunktur, die vor Salat warnen ("Bio-Gemüse könnte infiziert sein!"). Und BILD vergleicht Normal-Wein von ALDI (3,99 DM) mit einem Bio-Markenwein (13,99 DM) und fordert gesunde Lebensmittel zu Billigst-Preisen.

Wie es weiter geht, liegt an uns allen. In unseren Doppelrollen. Als Verbraucher sollten wir wissen, dass man Lebensmittel nicht wie Knöpfe produzieren kann. Und akzeptieren, dass Billigstpreise und Qualität einander ausschliessen.

Als Wähler sollte uns klar sein, dass "Bio" der bessere und preiswertere Weg der Lebensmittelerzeugung ist, Und Politiker wählen, die dies fördern. Darüber hinaus sollten wir nicht dulden, dass eventuelle 20 % "Bio" (vielleicht noch Grünland) zum Feigenblatt für 80 % Agrar-Industrie wird. Und deshalb Politiker wählen, die alle Bauern zum notwendigen Umwelt- und Gesundheitsschutz zwingen.

Die Geschichte des Wahnsinns

Kostendruck, Lügen, Täuschungen und Verharmlosungen

bahnten BSE den Weg

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Es beginnt 1981: Um Kosten zu senken, wird in England Tiermehl weniger stark erhitzt. Später stellt sich heraus, dass dies die Verursacher von Scarpie, Prionen, nicht mehr vernichtet.

1984: Die erste "Mad Cow" wird in Sussex untersucht. Das Ergebnis wird geheimgehalten.

1986 nimmt die britische Regierung BSE zur Kenntnis. Mikrobiologen, die 1987 davor warnen, werden ignoriert oder verlieren gar staatliche Forschungsaufträge. BSE ist als Prionen-Krankheit und Tiermehl als der wahrscheinlichste Infektionsweg identifiziert.

1988 wird Tiermehl in England als Wiederkäuerfutter verboten. Erkrankte Tiere dürfen nicht mehr geschlachtet und verkauft werden. Notgeschlachtet werden aber nur Tiere mit aktuellen Symptomen, bis Ende 1988 etwa 2.100.

Im Frühjahr 1989 stellt eine Kommission fest, dass BSE nur ein verschwindend kleines Risiko für Menschen bedeutet. Im Herbst weist der Neuropathologe Robert Perry nach, dass BSE auf den Menschen übertragbar ist.

Erst 1989 verhängt die EU ein Exportverbot für ältere britische Rinder, das 1990 auf alle Tiere über sechs Monate ausgedehnt wird. Im gleichen Jahr erkrankt in der Schweiz erstmals ein Tier, dass nicht aus Großbritannien stammt. Die EU untersagt daraufhin, Tiermehl an Wiederkäuer zu verfüttern - endgültig allerdings erst 1994. In Frankreich tritt der erste BSE-Fall 1991 auf, in Deutschland 1992. Das Tier stammt, wie die folgenden Fällen auch, aus Großbritannien. Dort erreicht die Epidemie mit 37.000 toten Tieren ihren Höhepunkt. Allerdings exportiert England noch 1993 107 000 t Rindfleisch, davon 1800 t nach Deutschland.

Dieses ist offiziell weiter BSE-frei. Daran darf auch Margrit Herbst nicht rütteln. Die Veterinärin im schleswig-holsteinischen Schlachthof Bad Bramstedt hatte 21 Fälle BSE-verdächtiger Rinder aufgezeichnet und gemeldet. Als nichts passiert, geht sie 1994 an die Öffentlichkeit. Ihr wird gekündigt. Bundesgesundheitminister Seehofer stellt fest: "Deutsche Verbraucher sind nun vor der Seuche BSE geschützt."

Ignoriert wird 1993 auch die Warnung ihrer Kollegin Kari Köster-Lösche vor Rindertalg in Babynahrung. 1996 weist sie den EU-Agrarkommissar Franz Fischler schriftlich darauf hin, dass sich Kälber über Milchaustauscher infizieren könnten. Keine Antwort.

Im Mai 1995 stirbt der erste Mensch in England an.BSE. 1996 im März gibt die bri tische Regierung zu, dass BSE beim Menschen eine Variante der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit (vCJK) auslösen kann. Acht Menschen sind da schon daran gestorben. Nun reagiert die EU mit einem Exportverbot für britische Rinderprodukte und der Schlachtung von vier Millionen britischen Kühen. Für die Tiermehlherstellung werden 133 Grad und 3 bar Druck für 20 Minuten vorgeschrieben.

1996 stirbt der erste Fanzose an vCJK, da Frankreich 1988-1991 das verseuchte britische Tiermehl importierte. Ende des Jahres empfiehlt die EU-Kommission, Risikomaterial von Rindern und Schafen nicht mehr in Lebensmitteln zu verarbeiten. (Eine Regelung tritt erst im Oktober 1999 in Kraft; Widerstand kam vor allem aus Deutschland.)

Hierzulande werden derweil Verdachtsfälle schlampig untersucht und großflächige Tests abgelehnt. 1997 teilt ein Wissenschaftler der Bundesanstalt für Fleischforschung mit, dass ein Drittel der untersuchten Tiermehlproben nicht BSE-sicher sei. Er erhält einen ministeriellen Rüffel. Mehrfach rügt die EU in dieser Zeit die laschen deutschen Fleischkontrollen. Eine EU-Studie vom März 2000, die für Deutschland das gleiche BSE-Risiko wie für Frankreich feststellt, kommentiert Bundeslandwirtschaftsminister Karl-Heinz Funke: "Deutschland ist BSE-frei."

Im August 2000 beginnen in Frankreich Massentests an Rindern, die einen deutlichen Anstieg der BSE-Fälle ergeben. Im September schreibt eine Medizinzeitschrift, dass BSE und vCJK auch durch Blut übertragbar ist.

Am 24. November gibt es in Schleswig-Holstein den ersten BSE-Fall. Darauf der bayrische Landwirtschaftsminister Miller: "Bayern ist BSE-frei." Kurze Zeit darauf hat Bayern fünf BSE-Fälle. Vermutet wird, dass die Prionen durch Kraftnahrung und Kälberfutter ("Milchaustauscher") übertragen wurden.

Bis zum 18. Januar 2001 wurden in Deutschland rund 110 000 Schlachtrinder auf BSE getestet - mit 16 BSE-Fällen kam auf alle 7000 Rinder ein krankes Tier. Übertragen auf die 14,5 Millionen deutschen Rinder heisst das, dass man mit rund 2000 infizierten Kühen rechnen muss.


Verboten? Ach was!

1989 verbot Deutschland die Einfuhr von BSE-verseuchtem britischen Tiermehl. Dennoch wurden bis 1995 jährlich mindestens 20 bis 100 Tonnen importiert. Insgesamt gelangten nach Schätzungen der Zeitschrift "nature" von 1988 bis 1991 70.000 Tonnen britisches Tiermehl nach Europa. 1997 kommentierte der EP-Abgeordnete Graefe zu Baringdorf nach einem Ortstermin in Dover: "Die Grenzkontrollen in Großbritannien zum Embargo sind ein Witz." Die bekannt gewordenen illegalen Fleischexporte betragen mehrere tausend Tonnen. Verboten ist auch der Einsatz von Tiermehl im Futter für Wiederkäuer. In Sachsen-Anhalt wird in jeder fünften Probe Tiermehl nachgewiesen.

Fälschen statt forschen

Im März 1998 begann in London eine offizielle Kommission mit der Untersuchung des BSE-Desasters. Sie beschrieb in 16 Bänden, wie Politiker und Beamte kritische Wissenschaftler unter Druck setzten, Warnungen ignorierten und Gefahren schön redeten. Im Internet steht die Arbeit der Kommission unter www.bse.uk.org und der Bericht unter www.bseinquiry.gov.uk/index.htm. Die Versäumnisse der EU bis 1996 hat ein Untersuchungsausschuss dokumentiert unter http://www.europarl.eu.int/conferences/bse/a4002097_en.htm. Für Deutschland fehlen solche Untersuchungen. Eine gute Chronik des Skandals liefert Karl-Heinz Dittberner auf seiner Homepage (http://userpage.fu-berlin.de/%7Edittbern/BSE/BSE_Chronik.html).

BSE: Was ist das?

BSE heisst "Bovine Spongiforme Enzephalopathie", also "schwammartige Hirnkrankheit bei Rindern". Die tödliche Krankheit, bei der sich das zentrale Nervensystem auflöst, wurde erstmals 1986 in England genauer beschrieben. Seitdem starben dort 180.000 Rinder, knapp zweitausend waren es in den anderen europäischen Staaten.

 

Vorsicht! Hier lauert BSE

Auf welchen Wegen der Erreger übertragen werden kann

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In unseren Körper können BSE-Prionen in der Regel nur über das Essen gelangen. Deshalb ist wichtig zu wissen, wo sie zu finden sind.

Am stärksten konzentrieren sie sich in Gehirn, Rückenmark und den Augen. Danach folgen Dickdarm, Milz, Lymphknoten, Mandeln, Drüsen und Nebennieren. All diese Rinderteile gelten als Risikomaterial. Seit 1. Oktober 2000 dürfen sie EU-weit nicht mehr in die Nahrung gelangen. Bis dahin wurden sie z. B. in Deutschland verarbeitet, etwa zu Wurst. Andere Organe wie Leber, Lunge oder Knochenmark gelten als mäßig infektiös und sollten gemieden werden. In Bindegewebe, Blut, Haut, Herz und Muskelfleisch wurden Prionen bisher nicht nachgewiesen. Eine 100-prozentige Sicherheit ist dies jedoch nicht. Auch in Muskelfleisch sind Nerven, in denen Prionen üblicherweise vorkommen.

Das Aussondern des Risikomaterials macht im Schlachthof Probleme: Rinder werden in Hälften geschnitten. Dabei wird die Wirbelsäule geöffnet, Rückenmark tritt aus und kann auch andere Fleischteile verunreinigen. Derzeit wird diskutiert, diese Schlachttechnik zu ändern. Ein zweites Problem ist das maschinelle Entfernen der letzten Fleischreste von den Wirbelknochen. Dieses so genannte Seperatorenfleisch kann Nervengewebe oder Rückenmark und damit Prionen enthalten. Bisher landete es vorwiegend in Würsten oder Hackfleisch.

Der Gehalt an BSE-Erregern in den verschiedenen Materialien hängt auch davon ab, wie weit die Krankheit fortgeschritten ist. Erst in den letzten sechs Monaten vor Ausbruch der Krankheit vermehren sich die Prionen so stark, dass sie mit Schnelltests nachgewiesen werden können. Davor ist der Gehalt auch im Risikomaterial niedriger. Da aber nicht bekannt ist, welche Prionenmenge ausreicht, um beim Menschen BSE auszulösen, bietet das Alter der Tiere - sprich Kalbfleisch - keine Sicherheit. Beim Rind genügen 0,1 Gramm infektiöses Hirn, damit es sich ansteckt.

Braten oder Tiefkühlen macht BSE-Erregern nichts aus. Bei der Tiermehlherstellung müssen 20 Minuten lang 133 Grad bei Überdruck herrschen, um die Prionen zu zerstören. Manche Experten bezweifeln, dass dies reicht. Im Experiment überstanden die Eiweißmoleküle Temperaturen bis 600 Grad.


Essen? Nein!

Das BSE-Risiko verringert sich, wenn von der Speisekarte gestrichen wird: Jegliches Hirn; Milz und andere Innereien von Rind und Kalb; T-Bone-Steaks (enthalten Wirbelknochen) und Wurst. (Darin wurde immer wieder Rindfleisch oder Nervengewebe gefunden, auch wenn nur Schwein deklariert war.) Auch Fertiggerichte können Rindfleisch enthalten. Auf das Etikett achten.


Darf ich das noch essen?

Weil nicht alle Wege bekannt sind, auf denen Prionen zwischen Tieren und vom Tier auf den Menschen übertragen werden, bleiben Restrisiken, auch wenn der Verzehr eines Produktes derzeit als harmlos gilt.

Milch und Milchprodukte

Sie gelten derzeit als sicher. BSE-Erreger sind nicht nachgewiesen. Trotzdem darf die Milch von BSE-Tieren weder für menschliche noch für tierische Ernährung verwendet werden. Das aus Kälbermägen hergestellte Lab zur Käsegewinnung gilt als sicher.

Säuglingsnahrung

In manchen Produkten ist Rindfleisch enthalten. Kommt es von Bio-Rindern, ist das Risiko sehr gering (siehe Seite 7 und 8). Wer ganz sicher gehen will, sollte zu vegetarischen Gläschen greifen.

Gelatine (in Gummibärchen & Co.)

Gelatine ist in vielen Lebensmitteln. Sie wird zu etwa 90 Prozent aus Schweineschwarten hergestellt. Vom Rind werden nur Haut und Knochen verarbeitet. Nach Ansicht der Hersteller machen die eingesetzten Chemikalien und Temperaturen eventuelle Erreger unschädlich. Ein geringes Risiko bleibt. In vielen Bioprodukten werden statt Gelatine pflanzliche Verdickungsmittel eingesetzt.

Rinderbrühe

Brühwürfel und Rinderextrakt werden in Deutschland laut Herstellern ausschließlich aus argentinischem Rindfleisch gewonnen. Argentinien gilt als BSE-frei.

Fertiggerichte

Stehen auf der Zutatenliste Rindfleisch oder ungenaue Angaben wie tierische Fette und tierisches Eiweiß, ist es am sichersten, das Produkt im Regal stehen zu lassen.

Schaffleisch

Schafe können sich mit BSE infizieren, die Symptome sind von Scrapie nicht zu unterscheiden. Da hier Schafe kaum mit Tiermehl gefüttert werden, ist das Risiko gering. Bei britischen Schafen empfehlen Experten Verzicht. Schafe aus Neuseeland gelten als sicher.

Schweinefleisch

Bisher ist es nicht gelungen, Schweine über die Nahrung mit BSE zu infizieren. Allerdings könnten die Tiere Überträger von Prionen sein, selbst aber nicht erkranken, weil sie zu früh geschlachtet werden. Bedenklich ist Schweinewurst, da in ihr immer wieder Rinderbestandteile gefunden werden.

Hühnerfleisch

Bisher ist es nicht gelungen, Hühner mit BSE zu infizieren.

Fisch

Zuchtfische, auch Shrimps, werden meist mit Tiermehl gefüttert. Experten halten eine BSE-Übertragung für unwahrscheinlich, schließen sie aber nicht aus.

Wild

In vielen Wildfütterungen wird bis heute Tiermehl verfüttert. Wild gilt deshalb nicht als BSE-sicher.

Kosmetika und Arzneimittel

Rinderprodukte wie Gelatine, Milchzucker oder Collagen sind in vielen Cremes und Pillen. Risikomaterial und Tiere aus Großbritannien dürfen dafür seit Jahren nicht mehr verarbeitet werden. Das zuständige Bundesinstitut stuft Arzneimittel als "grundsätzlich sicher" ein. Infektionen durch Kosmetika gelten als sehr unwahrscheinlich. Für Impfstoffe gibt das Paul-Ehrlich-Institut Entwarnung.

Sonstiges

Weder Schokolade noch Rotwein enthalten Rinderblut.

 

 

Die normale CJK - schnelles Altern

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CJJ oder CJD auf englisch steht für die Creutzfeltd-Jakob-Krankheit (Desease). Sie ist nach den beiden Ärzten benannt, die sie unabhängig voneinander Anfang der 20er Jahre erstmals beschrieben haben. CJK tritt bei älteren Menschen auf, macht sich anfangs durch Depressionen, Bewegungsstörungen und Muskelstarre bemerkbar und führt schnell zu geistigem Verfall und innerhalb von wenigen Monaten zum Tod. Als "Alzheimer im Zeitraffer" beschreiben es Mediziner. Rund 100 Fälle klassische CJK werden in Deutschland jedes Jahr diagnostiziert. Bei den einschlägigen Symptomen können sie mit Hilfe von Hirnstrommessungen und Untersuchungen im Kernspintomographen halbwegs sicher erkannt werden. Gewissheit bringt erst die Gehirn-Untersuchung nach dem Tode. Bei den meisten Patienten ist die Ursache, warum plötzlich ein Prion verrückt spielt und sich falsch faltet, unbekannt. In wenigen Fällen wird die Krankheit vererbt, einige Menschen wurden durch Wachstumshormone oder Hornhauttransplantationen infiziert.


vCJK - Wenn Menschen BSE bekommen

Im März 1996 gab die britische Regierung offiziell zu, dass BSE auch Menschen infizieren kann. Damals waren bereits acht junge Menschen daran gestorben.

Das BSE-Prion unterscheidet sich leicht vom CJK-Prion, doch es löst beim Menschen die gleichen Symptome aus. Nur dauert die Krankheit mit 14 Monaten länger und die Betroffenen sind jünger. Der Durchschnitt liegt bei 29 Jahren, die jüngste Patientin war 12. Bezeichnet wird die Krankheit deshalb als "Variante von CJK", kurz vCJK. Bis Ende 2000 sind daran 87 Menschen gestorben, 84 in Großbritannien und drei in Frankreich. Die Experten erwarten in Kürze die ersten Fälle in Deutschland.

Bedenklich stimmt, dass die Zahl der jährlichen Todesfälle zunimmt. Ob es der Anfang oder schon der Höhepunkt einer Epidemie ist, weiß niemand. Einige Hundert, aber auch eine halbe Million Menschen könnten nach den verschiedenen Expertenberechnungen an vCJK sterben. Ziemlich sicher ist, dass die meisten Betroffenen sich schon infiziert haben. Schließlich gingen zwischen 1980 und 1996 zwischen 750.000 und 1,5 Millionen infizierter Rinder über die Ladentheke. Die meisten davon in Großbritannien, einige Tausend vermutlich auch in Deutschland. Inzwischen ist die Tiermehlfütterung untersagt und der größere Teil der erkrankten Tiere wird durch die obligatorischen Tests aus dem Verkehr gezogen. Das Ansteckungsrisiko ist dadurch gesunken, es war in Deutschland vermutlich Mitte der 90er Jahre am höchsten. Wie viele Prionen für eine Ansteckung notwendig sind, ist offen, ebenso die Frage, ob manche Menschen dafür besonders anfällig sind. Unbekannt ist auch die Zeit, die zwischen Ansteckung und Ausbruch der Krankheit vergeht. Zehn bis zwanzig Jahre kann es nach Ansicht der Wissenschaftler dauern.

Bis heute gibt es keinen frühzeitigen Test für vCJK. Zweifelsfrei kann die Krankheit erst nach dem Tode festgestellt werden. An einem Bluttest wird gearbeitet. Weil sich BSE-Prionen auch in Mandeln und Blinddärmen ablagern, versuchen britische Forscher sich durch Untersuchungen dieser häufig entnommenen Organe ein Bild von der Verbreitung von vCJK zu machen.

Auch gibt es noch kein Medikament gegen vCJK. Die Krankheit endet tödlich. Wissenschaftler forschen an Wirkstoffen, die die Zerstörung des Gehirns aufhalten oder verzögern könnten.

Risiko
Mensch

Die meisten Menschen, die an vCJK erkranken werden, sind schon infiziert. Sie könnten den Erreger theoretisch über ihr Blut weitergeben, weil sich Prionen beim Menschen auch in weißen Blutkörperchen befinden. Das Robert-Koch-Institut empfiehlt deshalb, Menschen, die zwischen 1980 und 1996 länger als sechs Monate in Großbritannien oder Nordirland waren, vom Blutspenden auszuschließen. In den USA ist dies bereits vorgeschrieben. Möglich wäre eine Übertragung auch über verunreinigtes Operationsbesteck, etwa nach einer Hirnoperation an einem unentdeckten vCKJ-Kranken. Da die Prionen sehr widerstandsfähig sind, ist ihnen mit der üblichen Sterilisation nicht beizukommen.

Gefährlicher Leichtsinn

"Deutsches Rindfleisch ist sicher", sagt im April 1996 der damalige Bundeslandwirtschaftsminister Jochen Borchert. Zu dieser Zeit dürfte das Ansteckungsrisiko in Deutschland am höchsten gewesen sein, meint heute der BSE-Experte Hans Kretzschmar im Stern.

BSE in Europa: (von links nach rechts)

Portugal: 503 - Irland: 614 - Frankreich: 257 - Großbritanien: 180 764 - Niederlande: 9 - Deutschland: 31* - Belgien: 22 - Schweiz: 365 - Dänemark: 3 Italien: 3 *davon 6 importierte Fälle (1994-97)

vCJK- Erkrankungen in Europa:

Großbritannien: 84 Frankreich: 3

Stand: 23.01.01

Vorbeugen statt Verharmlosen -

 Konsequenzen ziehen

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In kurzer Zeit haben deutsche Politiker Maßnahmen zum Schutz der Verbraucher ergriffen, die jahrelang als überflüssig galten. Rindfleisch ist deshalb heute sicherer als vor fünf Jahren. Allerdings werden weitere fünf Jahre vergehen, bis sich zeigt, ob die neuen Regelungen greifen und Deutschland BSE-frei wird. Wichtig ist es auch, den Blick nicht auf BSE und die Rinderhaltung zu verengen, sondern die Probleme an der Wurzel zu packen.

Bestehende Risiken verringern

Seit dem 1. Oktober 2000 wird Risikomaterial im Schlachthof abgetrennt und entsorgt. Mögliche hochinfektiöse Teile werden so von der Nahrungskette ferngehalten. Wichtig ist es, die Schlacht- und Verarbeitungstechnik - Stichwort Seperatorenfleisch - so zu ändern, dass keine Verunreinigungen mehr möglich sind.

Die obligatorischen BSE-Tests geben keine Garantie, aber sie verringern das Risiko. Sie werden in den nächsten Jahren wohl einige hundert BSE-Fälle in Deutschland aufdecken. Das ist kein Grund zur Panik: Früher landeten diese unentdeckt infizierten Tiere auf dem Esstisch.

Wird ein BSE-Rind entdeckt, muss derzeit der ganze Bestand getötet werden. Es hat sich gezeigt, dass mehrere BSE-Fälle in einem Stall sehr selten sind. Die Schweiz hat 1999 nach Risikoanalysen die Kohortenschlachtung eingeführt und damit gute Erfahrungen gemacht. Dabei werden nur die Nachkommen des infizierten Tieres getötet und Rinder aus dem gleichen oder benachbarten Jahrgängen.

Direkte Ursachen beseitigen

Überfällig war das endgültige Verbot von Tiermehl als Futtermittel. Kontrollen hatten immer wieder gezeigt, dass Rinderfutter aufgrund schlampiger Herstellung mit Tiermehl verunreinigt war. Gelten muss dieses Verbot auch für die Verfütterung von Fetten, etwa in Milchaustauschern. Die EU will tierische Fette wieder zulassen. Ob sie das sechsmonatige Verfütterungsverbot für Tiermehl verlängert, ist offen.

Bauern und Verbraucher wollen wissen, aus was Tierfutter oder Lebensmittel bestehen. Eine offene und transparente Deklaration mit entsprechenden Kontrollen ist notwendig. Der Öko-Landbau ist hier ein mögliches Vorbild.

Zur artgerechten Tierhaltung

Eine naheliegende, wenn auch längerfristige Konsequenz ist die Beendigung der Massentierhaltung. Hier werden Tiere unter Bedingungen gehalten oder gemästet, bei denen nur die Wirtschaftlichkeit zählt und ihr Leid bewusst in Kauf genommen wird. Es gibt genügend ethische Argumente dagegen, Lebewesen zu reinen Produktionsmitteln zu degradieren. Jetzt sind aber auch die folgenden Gefahren für den Menschen offensichtlich. So machen Antibiotika für die Massen-Mästung Krankheitserreger resistent. Immer öfter finden die Ärzte bei lebensbedrohlichen Infektionen kein Gegenmittel mehr. Es zeigt sich, dass schlussendlich eine ungesunde Tier-"Produktion" auch keine gesunden Lebensmittel erzeugen kann.

Weichen für Nachhaltigkeit

Die Liste der gefährlichen Folgen industrieller Landwirtschaft - ausser BSE - sind lang. Auch für die Umwelt hat sie drastische Folgen. Sie trägt durch Monokulturen und Pestizideinsatz massiv zum Artensterben bei. Der hohe Nährstoff- und Pestizideintrag schädigt die Gewässer und deren Lebewesen. Im Grundwasser reichern sich Nitrate und Pestizide an, jedes dritte Wasserwerk ist davon betroffen. Noch weitgehend offen sind die Risiken, die gentechnisch veränderte Nahrungsmittel für unsere Gesundheit mit sich bringen. Ein Anstieg an Allergien gilt als mögliche Folge.

Hier müssen die Weichen für eine nachhaltige Landwirtschaft gestellt werden, damit Umwelt- und Gesundheitsschäden von vornherein vermieden werden und nicht im Nachhinein mit hohem Aufwand beseitigt werden müssen.

Ein Mittel dazu kann die geänderte Agrarpolitik der EU sein. Bis Anfang der 90er Jahre bekamen vor allem die Landwirte Geld, die möglichst viel und billig produzierten. Mit der Agenda 2000 hat die EU im letzten Jahr die Regeln geändert. Die Mitgliedsstaaten können Zuschüsse aus Brüssel und die damit oft gekoppelten nationalen Zahlungen jetzt auch an Umweltanforderungen knüpfen. Wenn sie wollen. Bisher wollte Deutschland (noch) nicht. Das ändert sich jetzt hoffentlich.


 

Vorbild Schweiz

365 BSE-Fälle hat die Schweiz bisher gemeldet, mit den Höhepunkten 1994 und 1995. Danach sanken die Zahlen. Einen leichten Anstieg gab es 1999, als erstmals in Europa Stichproben mit Schnelltests eingeführt wurden. Auf die erste BSE-Kuh 1990 hatte die Schweiz im gleichen Jahr mit einem Verfütterungsverbot für Tiermehl an Wiederkäuer reagiert. Risikomaterial darf seit 1996 nicht in die Nahrungskette gelangen. Die sinkenden Zahlen zeigen nach Ansicht des Schweizer Bundesveterinäramtes den Erfolg dieser Maßnahmen. Besonderen Wert legt das Amt darauf, Landwirte so zu schulen, dass sie schon an kleinen Verhaltensänderungen vor dem Ausbruch der Krankheit erkennen können, ob ein Rind möglicherweise BSE-verseucht ist.

 

Keine 100 Prozent Sicherheit

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Nachdem Deutschland bei vorsorglicher BSE-Politik jahrelang ein Nachzügler war, herrscht jetzt Hektik. Die ersten BSE-Kühe machten die Vogel-Strauss-Politik unmöglich - auf einmal geht es nicht schnell und radikal genug. Gibt es jetzt Garantien, kann es Sicherheit geben?

Sicherheit durch Forschung?

BSE ist erst seit 15 Jahren bekannt. Viele Fragen sind offen. Ist z. B. Milch Prionen-frei oder sind die Test nur nicht empfindlich genug? Die Übertragungswege sind nicht alle bekannt. Kann der BSE-Erreger im Boden überleben und beim Weiden aufgenommen werden? Ausschließen möchte das niemand. Warum erkrankt in einer Herde fast immer nur ein Tier, obwohl alle das selbe Futter bekommen haben? Verletzungen in Magen oder Darm werden als mögliche Ursache diskutiert. Manche Hypothese wird sich als irrig erweisen, neue Erkenntnisse können dazu führen, dass in fünf Jahren andere Übertragungswege als Tiermehl und Rinderhirn im Mittelpunkt stehen.

Sicherheit durch Tests?

Seit 1998 gibt es Schnelltests, die feststellen sollen, ob eine tote Kuh mit BSE-Erregern infiziert ist. In Deutschland sind sie seit Dezember 2000 für alle Schlachtrinder Pflicht, die älter als 30 Monate sind. Drei Anbieter gibt es.

Völlige BSE-Freiheit können aber auch diese Tests nicht garantieren. Sie melden erst, wenn im Gehirn des Tieres so viele BSE-Prionen konzentriert sind, dass es in sechs Monaten sichtbar erkrankt wäre. Weniger stark infizierte Tiere, werden nicht erkannt. Weil die Zeit zwischen Ansteckung und Ausbruch der Krankheit drei bis fünf Jahre beträgt, wird man bei Rindern über 30 Monaten am ehesten fündig, bei jüngeren Tieren und Kälbern ist die Chance geringer. Daran ändert auch die diskutierte Untersuchungspflicht ab 24 Monaten nichts. Eine echte Fehlerquelle sind schlampige Probenahmen am Schlachthof und falscher Umgang mit den empfindlichen Schnelltests im Labor.

Sicherheit durch Gesetze?

Verordnungen können bekannte Gefahren verringern, aber nicht ganz ausschalten. Es gibt immer Fehler, Schlamperei, Betrug. Die zweite Schwierigkeit, den Verbraucher vor BSE gesetzlich zu schützen, sind die wissenschaftlichen Unsicherheiten. Vor unbekannten Bedrohungen kann auch ein strenges und kontrolliertes Gesetz nicht schützen.

Das ist allerdings keine Entschuldigung für das Ignorieren offensichtlicher Gefahren und die mangelhafte Kontrolle von Verordnungen. Bayern ist abschreckendes Beispiel: Jahrelang wurde verharmlost und deshalb nicht kontrolliert. Gab es doch Beanstandungen, wurde vertuscht. Erst als dies unmöglich war, wurde das Problem angegangen.

Sicherheit durch Bio?

Trotz aller Bemühungen (s. S. 8) leben Bio-Bauern nicht auf einer BSE-freien Insel. Das zeigt Großbritannien. 154 BSE-Fälle gab es dort auf Bio-Farmen. Mit einer Ausnahme waren die Tiere vorher konventionell gehalten worden. Nur eine Milchkuh wurde in einer Umstellungs-Herde sechs Monate vor der Bio-Anerkennung geboren.

Deshalb weisen die ökologischen Anbauverbände die Verbraucher auf die Wege hin, auf denen ein BSE-Erreger auch in einen Biostall gelangen könnte.

Das größte Problem sind Kühe in Umstellungsbetrieben. Sie kommen noch "konventionell" auf die Welt und gelten nach mindestens zwei Jahren Umstellung auf Ökolandbau als Biorind. Da BSE erst nach drei bis sechs Jahren ausbricht, darf das Fleisch solcher Tiere zum Schutz der Verbraucher nicht unter einem Bio-Markenzeichen verkauft werden. Auch nicht, wenn es BSE-frei getestet wurde.

Einzelne Kälber zur Ergänzung der Herde dürfen nur von anderen Biohöfen zugekauft werden. Ausnahmen werden bei Zuchttieren genehmigt, damit eine Herde nicht genetisch verarmt. Auch für diese Tiere gilt, dass sie nicht als "bio" vermarktet werden dürfen.

Ein geringes Risiko besteht, dass eine einst konventionelle Biokuh eine nicht erkannte Infektion an eines ihrer Kälber weitergibt. Solche Übertragungen von BSE sind vereinzelt vorgekommen, der Mechanismus ist nicht geklärt.

Ein weiteres mögliches Einfallstor wären Verunreinigungen von zugekauftem Futter. Dies könnte geschehen, wenn ein Futtermittelhersteller sowohl ökologisches Futter, etwa Biorapskuchen, abpackt, als auch konventionelle Produkte. In der Regel setzen die Lieferanten der Bio-Betriebe aber seit Jahren allgemein kein Tiermehl mehr ein.

Hier gilt also: Bio bietet keine absolute, aber die höchstmögliche Sicherheit (s. Interview auf S. 8)


 

Diskussion: Blut- und Knochenmehl

Organische Dünger, die von konventionellen Gartenbaubetrieben, Bio-Bauern und Hobbygärtner eingesetzt werden, enthalten oft Blut- und Knochenmehl. Im Unterschied zu Tiermehl stammen die Rohstoffe dafür nur aus der Schlachtung von Tieren, die für den menschlichen Verzehr zugelassen sind. Das Blut ist meist von Hühnern, die Knochen von Rindern oder Schweinen. Risikomaterialien wie Rinderköpfe, Rückenmark und Wirbelknochen werden für die Knochenmehlherstellung nicht verwendet. Bei der Aufbereitung erfolgt eine Hygienisierung nach den auch für Tiermehl geltenden Regelungen. Eine 100-prozentige Sicherheit vor BSE bieten alle diese Regelungen jedoch nicht. Bis vor kurzem waren Blut- und Knochenmehl auch im ökologischen Landbau erlaubt. Demeter hat dies 1997 geändert, die anderen deutschen Bio-Anbauverbände Ende 2000. In der EU-Bioverordnung sind die Dünger noch zugelassen.

Eingesetzt wurden Blut- und Knochenmehle im ökologischen Landbau immer seltener und nur im Gemüse- und Obstanbau (also nicht auf Wiesen und Weiden). Sie dienten dazu, Anzuchtsubstrate für Jungpflanzen mit Stickstoff oder Phosphor anzureichern. Die Pflanzen können diese Nährstoffe nur in mineralisierter Form verwerten. Deshalb können sie ganze Eiweißmoleküle wie den BSE-Erreger nicht aufnehmen. Um in den Verzehr zu gelangen, müssten die Prionen Monate lang lebensfähig sein, zusammen mit Erdkrümeln am Gemüse anhaften und dann gegessen werden. Dennoch wollten die Anbauverbände sicher gehen und sprachen ein Verbot aus.

Eingesetzt werden dürfen auch von Biobauern weiterhin Hornmehl, Hornspäne und Dünger aus Federn und Borsten. Hornspäne und -mehl werden aus Rinderhörnern und Hufen gewonnen, die in der Regel aus Übersee und Osteuropa stammen. Da das eigentliche Horn und die Hufe kein Nervengewebe enthalten, sind diese nicht BSE-verdächtig.

 

Öko-Landbau - Lebensmittel mit Qualität

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Vieles, was gerade zur Sicherung unserer Lebensmittel vor BSE und zur Verbesserung der Qualität diskutiert wird, ist im Bio-Betrieb selbstverständlich. Die Tiere werden weitgehend artgerecht gehalten, Getreide und Gemüse wachsen ohne giftige Chemikalien, Transparenz für Verbraucher hat Priorität. Und auch Tiere werden natürlich gefüttert.

Dabei lässt sich der Unterschied zur industrialisierten Landwirtschaft nicht an der Betriebsgröße festmachen. Es gibt Biobetriebe mit einigen Tausend Hennen oder Rindern und auch Biogetreide wird mit Mähdreschern eingebracht und nicht mit der Sense. Der Unterschied liegt im Gesamt-Verständnis von Landwirtschaft.

Es beginnt mit dem Boden, der den Bio-Bauern als natürlicher Organismus gilt. Er greift nicht zum Kunstdünger, um die Pflanze direkt zu "mästen", sondern unterstützt und verbessert die Bodenfruchtbarkeit mit organischem Dünger.

Um die Pflanzen selber vor Unkraut, Schädlingen und Krankheiten zu schützen, setzt er keine Herbizide und Pestizide ein, sondern stärkt ihre Abwehrkräfte, fördert Nützlinge und arbeitet mit natürlichen Wirkstoffen.

Weil Bio-Landwirtschaft in Kreisläufen denkt, soll das Futter für die Tiere möglichst vom eigenen Hof stammen. Eine Massentierhaltung mit importierten Futtermitteln wie Gensoja ist nicht zulässig. Auch das perverse Verfüttern von Tierkadavern - schon gar nicht an Wiederkäuer - war von Anfang an kein Thema.

Seine Tiere begreift der Bio-Bauer als eigenständige Geschöpfe. Sie haben für ihre Art typische Verhaltensweisen, denen die Tierhaltung entsprechen muss. Legebatterien für Hühner oder das Aufstellen von Rindern und Schweinen auf Spaltenböden kommen nicht in Frage.

Und später in der Verarbeitung steht ein schonender, werterhaltender Umgang mit den Rohstoffen an erster Stelle. Außen vor bleibt dabei eine Vielzahl von synthetischen Zusatzstoffen, die zwar die Produktion erleichtern, in einem naturnahen Lebensmittel aber nichts zu suchen haben. Entsprechendes gilt für Herstellungsverfahren, die das Lebensmittel stark verändern, wie das Härten von Fetten oder das Bestrahlen von Gewürzen.

 

"Bio-Fleisch bietet ein Höchstmaß an Sicherheit"

Dr. Klaus-Peter Wilbois ist Geschäftsführer der "Arbeitsgemeinschaft ökologischer Landbau" (AGÖL), in der sich die neun Anbauverbände der deutschen Biobauern zusammengeschlossen haben. Die AGÖl erarbeitete die Rahmenrichtlinien für die Biobauern.

Herr Wilbois, ist Bio-Fleisch eine echte Alternative für die von BSE verunsicherten Verbraucher?

Ja! Bei Fleisch, dass von Tieren aus ökologischem Landbau stammt, hat der Verbraucher die größtmögliche Sicherheit. Das gilt sowohl in Bezug auf BSE als auch auf andere Lebensmittelskandale, etwa Dioxin im Tierfutter. Jeder Hof wird einmal im Jahr umfassend kontrolliert, ob er die strengen Richtlinien des ökologischen Landbaus einhält. Dazwischen gibt es Stichproben.

Was steht in diesen Richtlinien über das Futter für Masttiere?

Tiermehl war und ist für Bio-Bauern verboten. Das gilt für alle Tierarten und ist inzwischen durch die Bioverordnung der EU auch europaweit gesetzlich so geregelt. Vorgeschrieben ist, dass die Tiere artgerecht gehalten und ernährt werden. Das Futter muss aus biologischem Anbau und überwiegend vom eigenen Hof kommen. Nur in Ausnahmefällen ist ein kleiner Prozentsatz an konventionell erzeugter pflanzlicher Nahrung gestattet; das sind zum Beispiel Leinkuchen oder Kartoffeleiweiß.

Woher stammen die Kälber, die Bio-Bauern großziehen?

Die Jungtiere für die Mast müssen aus der eigenen Nachzucht oder von anderen Biohöfen stammen. Nur für die Zucht dürfen noch konventionelle Rinder zugekauft werden. Werden Tiere, egal ob konventionell oder bio, aus BSE-gefährdeten Regionen eingekauft, müssen Belege über die BSE-Freiheit des Bestandes, aus dem dieses Tier stammt, vorgelegt werden. Durch die Kontrollsysteme der Verbände kann die Ware jeweils zum Erzeuger und zum einzelnen Tier zurück verfolgt werden. Aufgrund dieser umfassenden Bestimmungen und Kontrollen können wir guten Gewissens sagen: Bio-Fleisch bietet ein Höchstmaß an Sicherheit."


 

Information: Hier gibt es Biofleisch

Biofleisch wird von mehr als 1000 Naturkostläden (Adressen unter http://www.naturkost.de) und vielen Bio-Metzgereien angeboten. Auch vermarkten viele Bio-Bauern direkt.

Bezugsquellen listet die Zeitschrift Ökotest im Internet unter www.carechannel.de.

 

Zukunft
Agrar-Wende, und Konsum-Wende

Auf der "Grünen Woche 2001" forderte Ministerin Künast: "In 10 Jahren 20 % der Fläche Bio!" Dazu müssten jährlich rund 2 % der deutschen Bauern auf "Bio" umstellen. Im Jahre 2003 verdoppeln ihre Erzeugnisse fast das Bio-Angebot in den Regalen.

Dann kommt es auf die Verbraucher an. Deren Ausgaben für Ernährung betragen heute knapp 13 % ihres Budgets. Sollte "Bio" dauerhaft 25 % teurer sein als die momentane Produktion, würde dieser Anteil - wieder - auf 15 % steigen. Dies könnte z. B. beim Auto oder Reisen eingespart werden. Wenn Fleisch aber 5,99 DM das Kilo kosten soll, geht das nur mit Tiermehl, Antibiotika, Hormonspritzen.

Die Agrar-Wende ist nur mit einer Konsum-Wende möglich. Jeder Einkauf entscheidet, ob es so weiter geht oder ob "Bio" sich durchsetzt und Lebensmittel und Landschaft naturnah, hochwertig, menschen- und umweltgerecht werden. Guten Appetit!