Im polnischen
Biebrza-Nationalpark dienen 200 "glückliche Kühe" dem
Naturschutz (6/2002)
Durch den
Fluss zur Weide
Jeden Morgen verlassen die Kühe
im polnischen Dorf Brzostowo ihre Ställe, wandern zum nahe
gelegenen Fluss und gehen ins Wasser. Sie schwimmen ans
andere Ufer und grasen dort den ganzen Tag. Der Fluss, in
dessen Umgebung sie völlig frei und wild leben – ohne Zäune
und ohne Aufsicht – ist die Biebrza, eines der letzten
völlig naturbelassenen, frei fließenden Gewässer Europas.
Die Biebrza schlängelt sich
durch eine weite Ebene im Nordosten Polens, und im Frühjahr
kommt es regelmäßig zu riesigen Überschwemmungen. Das
sumpfige Gebiet wurde 1993 zum Nationalpark ernannt. Die
Kühe von Brzostowo dürfen trotzdem dort grasen, und zu Recht
tragen sie den Beinamen "happy cows".
Abends, wenn die Euter voll
sind, begeben sich die Kühe wie auf Kommando selbstständig
zum Ufer, steigen bedächtig in die Fluten, die ihnen bis
über die Flanken reichen, und schwimmen durch die Biebrza
auf die andere Seite, auf das Dorf zu. Anschließend trotten
sie unbeirrbar zu den Bauernhöfen, zu denen sie gehören. Das
Schauspiel der Flussüberquerung ist eindrucksvoll und lockt
nicht selten Zuschauer an.
Insgesamt 200 "glücklichen
Kühe" gibt es in dem Ort. Landwirt Witold Konopka gehören 15
davon. Er versorgt sie – so wie es auch seine Kollegen tun –
auf traditionelle Art: Im Stall stehen die Tiere zum
Beispiel auf Stroh. Konopkas Hof umfasst 20 Hektar, zwei
Pferde und sieben Schweine gehören auch noch dazu und
nebenbei betreibt er einen kleinen Campingplatz. Dem
Beitritt Polens zur EU sieht er mit Sorge entgegen: "Er wird
für uns wahrscheinlich nicht günstig sein."Die Einrichtung
des Biebrza-Nationalparks hingegen kam ihm schon eher
gelegen: "Jetzt kommen Gäste hierher, und sie lassen auch
etwas Geld da", meint er.
Die Kühe von Brzostowo haben
nicht nur ein schönes Leben, sie tun auch etwas für die
Umwelt. Sie halten die Vegetation in dem entsprechenden
Gebiet niedrig, so dass viele Vogelarten dort brüten können.
Das Gelände ist ein Paradies für Ornithologen: Es bedarf
keiner großen Ausdauer, um Zwergseeschwalben,
Schwarzstörche, Kraniche, Reiher, Schwäne und Kiebitze
beobachten zu können.
Die "glücklichen Kühe" leben
nicht unbeobachtet – die Umweltstiftung WWF begleitet das
Projekt wissenschaftlich. Dazu wird zurzeit geprüft, welche
Auswirkungen auf die Umwelt sich ergeben, erläutert der
Leiter des WWF-Programms für Polen, Irek Chojnacki. Die
Fragen lauten: Werden zu viele Vogelnester zerstört? Wird
der Boden zu stark zertrampelt? Wie viele Kühe sind dem
Nationalpark-Gelände zuzumuten?
Man bemüht sich auch, alte
traditionelle polnische Rinderrassen wieder einzuführen,
berichtet Chojnacki. Zurzeit laufen Versuche mit einer
Nachzüchtung des "Roten Tieflandrinds", das bereits
ausgestorben war, dessen Samen aber noch in der polnischen
Akademie der Wissenschaften bereitgehalten wird. Im Auftrag
des WWF waren in der Brutperiode bereits Studenten
unterwegs, die eine Bestandsaufnahme der Nester vornahmen.
Erstes Ergebnis der Zählung: "Es sieht so aus, als ob 200
Kühe genau richtig sind ", meint Chojnacki.
Anneliese Huebner
|