25 Fragen und Antworten zum Thema BSE
2. Wodurch entsteht Rinderwahnsinn?
3. Was weiß man noch über Prionen?
4. Wie kam es zur Epidemie von Rinderwahnsinn?
5. Können Wiederkäuer sich beim Grasen Weide anstecken?
6. Kommt BSE nur bei Rindern vor?
7. Was versteht man unter Creutzfeldt-Jakob?
8. Wie unterscheidet sich die neue Variante ?
9. Wann kommt der BSE-Test zum Einsatz?
11. Wie funktioniert der BSE-Test?
12. Was kostet der Test und wie wirkt sich das auf den Fleischpreis aus?
13. Gibt es auch einen Test, um lebende Tiere auf BSE zu untersuchen?
14. Gibt es Medikamente zur Behandlung von vCJK?
15. Sollte man überhaupt noch Rindfleisch essen?
16. Worauf sollte man unbedingt verzichten?
17. Sind Wurst und Aufschnitt noch genießbar?
18. Kann man sich wenigstens noch Milchprodukte schmecken lassen?
19. Was ist Gelatine und wie wird sie hergestellt?
20. Können auch Blutspenden und Medikamente aus Blutplasma infektiös sein?
21. Was wird zusätzlich zu Sicherheit von Blutpräparaten getan?
22. Wie sicher sind Impfstoffe?
23. Welche und wieviele Medikamente werden mit Hilfe von Ausgangsstoffen vom Rind hergestellt?
24. Was tut die Pharmaindustrie zum Schutz der Patienten?
25. Kosmetika enthalten oft Collagen oder Placenta-Extrakte.
| 1. Was bedeutet "BSE"? |
Die Abkürzung steht für Bovine Spongiförme Encephalopathie - eine bei Rindern vorkommende, schwammartige Erkrankung des Gehirns. Man spricht auch von "Rinderwahnsinn" oder "mad cow disease". Die erkrankten Tiere fallen zunächst durch unerklärlichen Gewichtsverlust und verkrümmte Haltung auf. Dann entwickeln sie Koordinationsstörungen und Kopfzuckungen.
| 2. Wodurch entsteht Rinderwahnsinn? |
Ausgelöst wird die Rinderseuche durch krankhaft veränderte Prionen. Das sind wenige tausendstel Millimeter große Eiweißpartikel, die im Gehirn von Säugetieren vorkommen. Dieses Eiweiß kann seine dreidimensionale Form krankhaft verändern. Das geknickte Eiweißmolekül bringt benachbarte, gesunde Prionen dazu, sich ebenfalls zu verbiegen. Es entstehen Prionenklumpen, sogenannte Plaques, die sich in den Nervenzellen in Gehirn und Rückenmark anlagern. Die Zellen gehen zugrunde. Das Gehirn wird aufgeweicht und löchrig - wie ein Schwamm.
| 3. Was weiß man noch über Prionen? |
Warum Prionen entarteten, ist bislang unbekannt. Möglicherweise ist eine spontane Mutation im Gehirn eines britischen Rindes schuld. Oder BSE schlummerte schon lange in den Herden, kam aber nur ganz sporadisch zum Ausbruch. Auch Umwelteinflüsse, vermehrte Belastungen mit Pestiziden oder Schwermetallen (u.a. Mangan) und schleichende Virusinfektionen ("slow virus infection") werden diskutiert. Ursprünglich glaubte man, BSE sei durch Verfütterung von Schafkadavern, die mit der für den Menschen ungefährlichen Schafseuche Srapie infiziert waren, auf Rinder übergesprungen. Diese These ist aber spätestens seit Mitte der 90-er Jahre widerlegt. Damals verglichen Veterinäre des britischen Agrarministeriums 30 verschiedene Scrapie-Stämme mit dem einzigen BSE-Stamm - mit dem Ergebnis, dass zwischen Scrapie und dem Rinderwahn keine Ähnlichkeit besteht. Dafür stellten Molekularbiologen der Universität Zürich fest, dass die Molekülstruktur des Rinderprions fast identisch zu menschlichen Priontypen ist - weshalb der Rinderwahn leicht die Artenbarriere überwinden kann.
Pathologisch veränderte Prionen sind ausgeprochen resistent - um sie zu knacken, muss das damit befallene Material 20 Minuten bei 133 Grad Celsius und einem Druck von 3 Bar behandelt werden. Zu Forschungszwecken wurden infizierte Versuchstiere 15 Minuten lang sogar auf 600 Grad Celsius erhitzt. Auch danach fanden sich intakte BSE-Prionen.
| 4. Wie kam es zur Epidemie von Rinderwahnsinn? |
Verbreitet wurde BSE vermutlich durch die Verfütterung von infizierten Rinder an ihre Artgenossen als Fleisch- und Knochenmehl. Zumindest sank die Zahl der infizierten Rinder binnen fünf Jahren drastisch, nachdem 1988 in Großbritannien die kannibalistische Verfütterung von Tiermehl aus Kadavern an Wiederkäuer verboten worden war.
Ein schlagender Beweis für die These vom Tiermehl als Vehikel der Infektion steht noch aus. Bislang ist es noch niemandem gelungen, bei auch nur einem Tier einer Versuchsherde durch die Verfütterung solchen Materials aus den Säcken der Tierverwertungsindustrie BSE auszulösen. Ansteckungen erzielte man nur, wenn homogenisiertes Hirngewebe direkt gepritzt oder verfüttert wurde - was nicht den realen Fütterbedingungen entspricht.
| 5. Können Wiederkäuer sich beim Grasen auf der Weide anstecken? |
Bundesumweltminister Jürgen Trittin warf in die aktuelle Diskussion, dass BSE-Erreger möglicherweise auch in Böden bis zu drei Jahren überleben könnten. Ausgangspunkt dieser Überlegung ist eine Studie über die Schafseuche Scrapie. Hier konnte eine Übertragungsmöglichkeit auf der Wiese nicht absolut widerlegt werden. Mangels anderer Erklärungen für die Infektion von Testtieren, zog man in Erwägung, dass die Prionen auch über die Pflanzen übertragen werden könnten. Auch eine Ansteckung über Weiden, die mit Ausscheidungen von BSE-erkrankten Rindern kontaminiert sind, wird diskutiert. Der BSE-Experte Detlev Riesner von der Universität Düsseldorf hält das für unwahrscheinlich. Prionen könnten zwar tatsächlich einige Wochen auf der Oberfläche überleben. "Sie werden aber weder von Pflanzen aufgenommen, noch können sie sich im Boden oder in Pflanzen vermehren", sagt Riesner.
Auch Ausscheidungen von infizierten Rindern erwiesen sich bisher nicht als infektiös. Um den Eintrag von BSE-Erregern zu verhindern, verhandelt die Bundesregierung derzeit über ein Verbot von Tiermehl in Düngemitteln.
| 6. Kommt BSE nur bei Rindern vor? |
Von 19 Säugetierarten ist bekannt, dass sie ebenfalls am Hirnschwamm, also spongiformen Encephalopathien (SE), erkranken können. Darunter befinden befinden sich Arten von verschiedenen Kontinenten, wie Schaf und Ziege, Puma und Hamster, Löwe und Antilope. Ausnahme sind Pferde, bei denen SE natürlich nicht vorkommt und auch keine Infektionen bekannt sind. Die meisten Infektionen bleiben auf eine Art beschränkt. Zum Beispiel gilt die Schafseuche Scrapie für den Menschen als ungefährlich.
Durch Verfütterung von BSE-verseuchtem Nervengewebe oder durch direktes Einspritzen in die Blutbahn bzw. in das Gehirn gelang es andere Tierarten mit BSE zu infizieren und die Artengrenzen zu überspringen. Bei Schweinen zum Beispiel konnte bis jetzt der Rinderwahn nicht durch die Nahrung ausgelöst werden - aber durch Injektion. An die Allesfresser wurde im Gegensatz zu den sich von Natur aus vegetarisch ernährenden Wiederkäuern das Kadavertiermehl weiterverfüttert. Da die Borstentiere aber abgesehen von den Muttersäuen nur in Ausnahmefällen älter als ein Jahr werden, wäre also bei einer durchschnittlichen Inkubationszeit von fünf Jahren weder symptomatisch noch durch einen Test BSE festzustellen. Selbst "wenn sich eine Muttersau seltsam verhält, wird sie geschlachtet und zu Tiermehl verarbeitet. Das Tier wird nicht auf BSE untersucht. Die Ursache kümmert sozusagen kein Schwein", erklärt der schweizer BSE-Experte Bruno Oesch. "Das schlimmste ist, dass Schweine an Schweine verfüttert werden. Der gleiche Kreislauf hat die Verheerungen bei den Kühen angerichtet", warnt Oesch.
Selbst Geflügel ist noch nicht endgültig von dem Verdacht frei, Träger der Infektion zu sein, ohne selbst Krankheitsanzeichen zu entwickeln.
| 7. Was versteht man unter Creutzfeldt-Jakob? |
Die Creutzfeldt-Jakob-Krankheit (CJK bzw. CJD für engl. disease) ist eine tödlich verlaufende, derzeit unheilbare neurologische Erkrankung. Erstmals beschrieben wurde sie von den deutschen Neuropathologen Hans-Gerhard Creutzfeldt und Alfons Jakob 1920. Die CJK gehört zur Gruppe der beim Menschen auftretenden schwammartigen Hirnkrankheiten (humanen spongiformen Encephalopathien), zu denen auch Kuru, eine in Papua-Neuguinea vorkommene Form, und zwei seltene genetische Krankheiten zählen. Jährlich tritt ein neuer Fall unter einer Million Menschen auf. Die klassische CJK entsteht in 85 Prozent der Fälle sporadisch. Zehn bis 15 Prozent treten familiär bei genetischer Veranlagung auf. Etwa ein Prozent der CJK geht auf die versehentliche Übertragung von infiziertem Gewebe, zum Beispiel durch Hornhauttransplantationen, oder durch Hormone aus der Hirnanhangsdrüse, etwa zur Behandlung von Kleinwüchsigkeit, zurück. Die Inkubationszeit von der Infektion bis zum Auftreten erster Symptome dauert 20 bis 40 Jahre. Sie betrifft vor allem ältere Menschen über 60 Jahre. Die Erkrankten leiden unter Gedächtnisverlust, Wesensveränderungen, Muskelkrämpfen und Depressionen.
| 8. Wie unterscheidet sich die neue Variante der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit davon? |
1996 wurde die neue Variante vCJK zum ersten Mal gemeldet. Das durchschnittliche Erkrankungsalter liegt bei 29 Jahren. Die Erkrankung zieht sich meist 14 Monate hin. Die Kranken sind anfangs agressiv und haben Halluzinationen und Wahnvorstellungen. Deshalb landen sie oft zunächst mit der Diagnose "Psychose" in der Nervenheilanstalt. Weitere Symptome sind Demenz, unwillkürliche Bewegungen und zuckende Gliedmaßen. In Europa sind bis heute 85 Menschen der vCJK zum Opfer gefallen. Inzwischen ist aber auch ein 74-Jähriger Brite an vCJK gestorben. Dieser Befund schürt die Sorge, dass zahlreiche vermeintlich an Alzheimer erkrankte Menschen in Wirklichkeit an BSE litten. Ein im November 2000 veröffentlichter Untersuchungsbericht der britischen Regierung kommt zu dem Schluss, dass es "jetzt ausreichend Beweise gibt, um sicher sein zu können, dass vCJK durch die Übertragung von BSE auf den Menschen verursacht wird". Also hätten sich die Kranken durch Fleischessen infiziert? Aber auch Vegetarier sind unter den Opfern. Den britischen Norden und die Landbevölkerung trifft's häufiger als die Ballungsgebiete im Süden - obwohl dort mehr Fleischfrikadellen verzehrt werden, denen auch mal auch Innereien und Hirnmasse vom Lieferanten beigemischt werden.
Neuropathologen sehen bei der mikroskopischen Untersuchung der Gehirne nach dem Tod der vCJK-Opfer ausgeprägte Zerstörungen. "Charakteristisch sind die massiven, floriden Plaques, die von einem Kranz schwammartiger Strukturen umgeben werden", erklärt der Göttinger Neuropathologe Walter Schulz-Schaeffer. Die bei der vCJK gefundenen Prionen unterscheiden sich auch biochemisch von der denen der klassischen Form und sind identisch mit denen bei BSE-Rindern. In Deutschland werden alle suspekten Fälle im Referenzzentrum für Prionenkrankheiten in Göttingen untersucht. "Wir haben jedoch bislang keinen Verdachtsfall der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit, der mit mit Rinderwahn in Zusammenhang steht", sagt Schulz-Schaeffer.
| 9. Wann kommt der BSE-Test zum Einsatz? |
In Deutschland müssen seit dem 4. Dezember alle Schlachtrinder, die älter als 30 Monate sind, einem Schnelltest unterzogen werden. Das entspricht in Deutschland rund 1,6 Millionen Kühen pro Jahr. Im vergangenen Jahr wurden hierzulande 4,6 Millionen Rinder (einschließlich Kälber) geschlachtet - der Großteil jünger als 30 Monate. Für die EU gilt die Testpflicht ab dem 1. Januar 2001.
| 10. Was bringt der BSE-Test? |
Drei kommerzielle Diagnoseverfahren kommen für die Untersuchung auf BSE in Frage. Sie stammen von den Firmen Prionics (Schweiz), Bio-Rad (Frankreich) und Enfer (Irland). Marktführer ist der Züricher Hersteller Prionics. Auch der erste, deutsche BSE-Befund gelang mit dem Prionics-Verfahren. Der Test "gibt 100-prozentig sichere Resultate", behauptet Prionics-Forschungschef Eric Kübler. Allerdings ist "ein negativ getestetes Tier nicht ungedingt BSE-frei", betont Jürgen Kundke vom Bundesinstitut für gesundheitlichen Verbraucherschutz und Veterinärmedizin (BgVV) in Berlin. Haken ist nämlich, dass der Test erst sechs Monate bevor die ersten Symptome auftreten, zuverlässig ist. Erst dann ist die Prionenkonzentration im Nervengewebe hoch genug, um von dem Tests entdeckt zu werden. Die Inkubationszeit liegt aber bei durchschnittlich fünf Jahren. Außerdem zeigen bisherige Versuche, dass die Infektion erst Gehirn und Rückenmark erreicht, wenn die Inkubationszeit zu Hälfte abgelaufen ist. Davor gelangen die aus der Nahrung aufgenommenen Prionen vermutlich zunächst über die Immunzellen des Darms in das Blut- und Lymphsystem.
| 11. Wie funktioniert der BSE-Test? |
Untersucht wird Gewebe aus dem Stammhirn von toten Rindern, weil dort die höchste Prionenkonzentration vorzufinden ist. Die Probe wird verflüssigt und mit einem Antikörper auf eventuell vorhandene BSE-Erreger, pathologisch verdrehte Prionen, getestet. Nach sechs bis acht, spätestens zwölf Stunden, liegt das Ergebnis vor.
| 12. Was kostet der Test und wie wirkt sich das auf den Fleischpreis aus? |
Der Test kostet nach Berechnungen der Arbeitsgemeinschaft der Verbraucher 60 Mark, laut Hersteller 100 Mark und 200 Mark nach Meinung des deutschen Landwirtschaftsministeriums. Nach Schätzungen wird das Kilo Rindfleisch circa 30 Pfennig teurer.
Die Schweiz hat allein 1996 120 Milliarden Franken für die Stützung des Rindfleischpreises ausgegeben. "Damit könnten zehn Jahre lang alle Rinder getestet werden", schätzt der Hirnforscher Bruno Oesch vom Prionics-Institut.
| 13. Gibt es auch einen Test, um lebende Tiere auf BSE zu untersuchen? |
Noch nicht. Dazu wäre ein hoch empfindlicher Bluttest nöten. Eine Arbeitsgruppe unter der Leitung von Adrano Aguzzi hat an der Universität Zürich ein Plasminogen genanntes Blutprotein entdeckt, das nur mit defekten Prionen eine Verbindung eingeht. Zunächst wollen die Wissenschaftler ihre Experimente zu einem Test weiterentwickeln. Sie könnten jedoch auch der erste Schritt in Richtung einer Therapie sein.Bei Mäusen habe Plasminogen erfolgreich verhindert, dass Prionen ins Gehirn wandern.
Eine weitere Möglichkeit wäre die Gentechnik. Mit ihrer Hilfe könnten sich die Nachweisgrenzen um das Hunderttausendfache nach unten verlagern.
Der Londonder BSE-Experte John Collinge hat eine Methode entwickelt, mit der die Krankheit beim Menschen bereits zu Lebzeiten diagnostiziert werden kann. Dazu entnimmt er Gewebeproben von Gaumenmandeln, also lymphatisches Gewebe, wo sich die verräterischen Prionen verstecken. Ziel seiner Bemühungen ist es jedoch auch, einen einfachen und zuverlässigen Nachweis im Blut zu finden. "Nur dann können wir im Alltag den Erreger erkennen, bevor das Gehirn der Betroffenen halb zerfallen ist", sagte er in einem Interview.
| 14. Gibt es Medikamente zur Behandlung von vCJK? |
Nein. Für die Pharmakonzerne war es bisher eine sehr unattraktives Feld und ein viel zu kleiner Markt. Der BSE-Experte John Collinge verfolgt in seinem Labor am Londoner St. Mary's Hospital den Ansatz, die intakte Form der Prionen zu stabilisieren. Er entdeckte, dass Kupfer-Ionen im Organismus die fatale Entartung der Eiweiße ermöglichen, indem sie bestimmte Stellen der Prionproteine besetzen und aktivieren. Collinge sucht unter anderem nach Substanzen, die den Kupfermetabolismus des Körpers beeinflussen. So könne selbst nach einer Infektion die Umwandlung der Prionen und damit die spätere Hirnerkrankung verhindert werden.
| 15. Sollte man überhaupt noch Rindfleisch essen? |
"Nein", antwortet darauf das Bundesinstitut für gesundheitlichen Verbraucherschutz und Veterinärmedizin (BgVV). "Wer kein Restrisiko eingehen will, muss in der heutigen Situation Fleisch meiden." Wer trotzdem Fleischeslust verspürt, sollte unbedingt auf die Herkunft des Fleisches achten. Folgende Länder wurden von der EU als Kategorie 1 - mit äußerst unwahrscheinlichem BSE-Risiko - eingestuft: Argentinien, Paraguay, Chile, Neuseeland, Australien und Norwegen.
Zwar wird ab 4. Dezember jedes geschlachtete Rind, das älter als 30 Monate ist, getestet. Doch eine 100-prozentige Sicherheit gibt der Test wegen der langen Inkubationszeit der Rinderseuche nicht. Deshalb ist von Kälberfleisch abzuraten, wenn nichts über Aufzucht und Fütterung bekannt ist.
Der Münchner Neuropathologe und Creutzfeldt-Jakob-Experte Hans Kretzschmar hält die Gefahr, die vom Genuss eines Steaks ausgeht, für äußerst gering. Noch seien keine Prionen im Muskelfleisch nachgewiesen worden, sagte Kretzschmar in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung. Zwar könne man nicht pauschal sagen, dass die Eiweißmoleküle in Muskelfleisch überhaupt nicht vorkommen. Doch selbst dann wäre ihre Konzentration so gering, dass die Gefahr für den Konsumenten minimal wäre.
John Collinge, BSE-Forscher am St. Mary's Hospital in London, rät sogar explizit zu British Beef: "Die Maßnahmen in Großbritannien sind stringent und werden unglaublich scharf kontrolliert. Es gibt Armeen von Fleischinspektoren. Wir essen nur noch Tiere, die jünger sind als 30 Monate. Alle bekannten Risikomaterialien (Gehirn, Rückenmark) werden trotzdem entfernt. Das BSE-Risiko dürfte derzeit in einigen europäischen Ländern höher sein", sagte er gegenüber der ZEIT.
| 16. Angesichts so unterschiedlicher Empfehlungen und Meinungen - worauf sollte man unbedingt verzichten? |
Gehirn, Rückenmark und die Netzhaut des Auges enthalten sehr hohe Prionenkonzentration und sind somit besonders gefährlich. Hoch belastet sind Hirnflüssigkeit, Hirnanhangsdrüse und die harte Hirnhaut, Lymphknoten und Mandeln, Teile von Dünn- und Dickdarm, Milz und Nebenniere.
Im Milch, Fett, Muskelfleisch, Haut, Haaren, Knochen und Knorpelgewebe ist der BSE-Erreger bisher nicht nachweisbar. Allerdings besteht zum Beispiel bei der Schlachtung und Verarbeitung des Rindes die Gefahr, dass durch kontaminiere, mit Nervengewebe in Berührung gekommen Messer und Sägen Erreger auf eigentlich unbedenkliche Rinderteile übertragen werden.
| 17. Sind Wurst und Aufschnitt noch genießbar? |
Laut geltenden, deutschen Vorschriften dürfen Rinderwurstwaren eigentlich kein Nervengewebe enthalten. Als aber Ende 1999 der Leipziger Veterinärmediziner Ernst Lücker die deutsche Wurst mit dem "Brainostics-Test" unter die Lupe nahm, wurde er fündig. 20 Prozent der gekochten Mettwürste und 9,7 Prozent der Leberwürste enthielten Hirn- und Rückenmarksmasse.
| 18. Die Milch macht's. Kann man sich wenigstens noch Milchprodukte schmecken lassen? |
Im Prinzip ja. In Kuhmilch wurden noch nie BSE-Prionen gefunden. Selbst in der Milch von BSE-erkrankten Kühen konnten keine Erreger nachgewiesen werden. Infektionsversuche verliefen negativ. Allerdings ist noch nicht geklärt, ob es nicht eine direkte Übertragung von Kühen auf ihre Nachkommen gibt. Möglicherweise stecken sich zehn bis 15 Prozent der Kälber bei ihren Müttern an.
Das Problem bei zahlreichen Joghurts wie auch Puddings, Frischkäse, Salatsoßen, Eiscreme, gefüllten Pralinen, Torten und Gebäck ist die darin enthaltene Gelatine. Die Mehrheit der Konfitürenkocher und auch einige Weingummimacher sind inzwischen auf die Ersatzgeliermittel Pektin, Johannisbrotkern- oder Guakernmehl umgestiegen.
| 19. Was ist Gelatine und wie wird sie hergestellt? |
Gelatine wird aus Collagen gewonnen, einem zähen, fasrigen Protein, das sich in allen Säugetieren findet. Collagen ist ein Hauptbestandteil von Haut, Sehnen und Muskelscheiden. Es besteht aus drei miteinander verflochtenen Molekülsträngen. Die Dreifach-Helix-Struktur verleiht ihm die erforderliche Festigkeit - macht es aber auch ungenießbar.
Wenn man Collagen auf über 70 Grad Celsius erhitzt, wird es irreversibel zerstört und in drei Einzelstränge zerlegt - dem Gelatin. Gelatine ist ein Gel aus vernetzten Gelatinsträngen, das bis zu 90 Prozent Wasser enthält. Beim Kochen schmilzt Gelatine ab 30 Grad Celsius und verfestigt sich wieder, wenn es unter 15 Grad Celsius abkühlt. Die in Deutschland für Lebensmittel verwendete Gelatine besteht hauptsächlich aus Schweineschwarten. Je nach Hersteller können bis zu zehn Prozent von Rindern stammen. Für den Export in muslimische Länder gibt es auch Lebensmittelgelatine ganz aus Rindercollagen. Nach Angaben europäischer Produzenten werden die jährlich 100000 Tonnen Gelatine mit aggressiven Verfahren hergestellt, die zusammen ausreichen, um den Glibberstoff sicher zu machen. "Zunächst wird Gelatine längere Zeit in Natronlaufe gelagert, dann in Schwefelsäure gebadet und schließlich 20 Minuten bei 133 Grad Celsius und 3 Bar Dampfüberdruck ,autoklaviert'. Außerdem dürfen prinzipiell nur genusstaugliche Tiere verarbeitet werden", sagt Thomas Schlicht, Sprecher des Bundesinstituts für gesundheitlichen Verbraucherschutz und Veterinärmedizin (BgVV).
| 20. Können auch Blutspenden und Medikamente aus Blutplasma (Immunglobulin, Albumin zur Schockbekämpfung, Gerinnungspräparate für Bluter) infektiös sein? |
Forscher des britischen Institute for Animal Health veröffentlichten im September 2000 in der Fachzeitschrift "Lancet" eine Studie, die für eine mögliche Ansteckung mit BSE durch infiziertes Blut spricht. Sie verfütterten verseuchtes Rindfleisch an Schafe und injizierten deren Blut - bevor irgendwelche Krankheitssymptome erkennbar waren - 19 Schafen in Neuseeland. Zwei Jahre später war eines davon an BSE erkrankt.
Als Konsequenz hat das für Blutsera und Impfstoffe zuständige Bundesamt, das Paul-Ehrlich-Institut, entschieden, alle Personen, die sich zwischen 1980 und 1996 insgesamt mehr als sechs Monate in Großbritannien aufgehalten haben, ab sofort nicht mehr als Spender zuzulassen.
"Eine reine Vorsichtsmaßnahme", betont Dr. Susanne Stöcker, Sprecherin des Paul-Ehrlich-Instituts in Langen. Bisher sei kein einziger Fall einer Übertragung von klassischer CJK durch Blut und Blutprodukten auf den Menschen bekannt. Weder die Rückverfolgung von Blutspenden von Personen, die später an CJK erkrankt sind, noch die Untersuchung von Patientengruppen, die lebenslang von der Verabreichung von Blutprodukten abhängen, wie zum Beispiel rund 5000 Bluter in Deutschland, haben eine CJK-Infektion aufgedeckt. Trotzdem wäre es unverantwortlich daraus zu schließen, dass das auch für die neue Variante von CJK gilt. Man habe aus dem AIDS-Skandal gelernt. Der Sechsmonatsgrenze liegen Berechnungen der amerikanischen Gesundheitsbehörde FDA zugrunde. Danach würden in Deutschland nur 0,2 Prozent potentieller Blutspender ausgeschlossen werden müssen. "Das ist gut zu verkraften", sagt Stöcker. "Grundlage hierfür ist eine Risikoabwägung: einerseits ein bisher rein theoretisches Infektionsrisiko, das hierdurch minimiert wurde. Andererseits die ganz reale Gefahr, dass die Menschen verbluten, wenn wir nicht genügend Konserven bereit halten können." Bereits seit 1996 werden in Deutschland generell keine Blutprodukte aus England verwandt.
| 21. Was wird zusätzlich zu Sicherheit von Blutpräparaten getan? |
Als weitere Maßnahme sollen ab 1. Oktober 2001 die Leukozyten, die wahrscheinlich Träger der entarteten Prione sind, herausgefiltert werden. Zwar entsteht durch die Filterung selbst wiederum die Gefahr, dass einzelne Leukozyten platzen und Prione freigesetzt werden. Insgesamt werde das Risiko aber deutlich verringert.
Leukozyten werden schon heute in vielen Einrichtungen standardmäßig herausgefiltert, weil sie insbesondere bei immungeschwächten Patienten heftige Abwehr- und Unverträglichkeitsreaktionen verursachen können.
| 22. Wie sicher sind Impfstoffe? In England musste die Gesundheitsbehörde einen Impfstoff gegen Kinderlähmung (Polio) vom Markt nehmen. |
"In Deutschland zugelassene Polioimpfstoffe sind von der Maßnahme der britischen Gesundheitsbehörde nicht betroffen", betont die Sprecherin des Paul-Ehrlich-Instituts, Dr. Susanne Stöcker. Tatsächlich wird zur Anzüchtung von viralen Impfstoffen Nährlösung aus Kälberserum beigemischt. Bisher konnte das notwendige Serum durch keinen anderen Stoff ersetzt werden. Prinzipiell darf aber kein Material von britischen Rindern verwendet werden. Stattdessen kommt Serum von Tieren aus USA, Neuseeland und Australien zum Einsatz. In Großbritannien wurde vor einiger Zeit eine Charge des Polio-Impfstoffs vernichtet, weil sich herausgestellt hat, dass bei der Herstellung fötales Kälberserum von einem britischen Rind verwendet worden war. Auch wenn für Kälberserum keine Infektiösität nachgewiesen worden ist, musste der Impfstoff aufgrund gesetzlicher Regelungen aus dem Verkehr gezogen werden.
In Einzelfälle enthalten auch fertige Impfstoffe ein Rinderprodukt, die aus Milch hergestellte Laktose, als Stabilisator.
| 23. Welche und wieviele Medikamente werden mit Hilfe von Ausgangsstoffen vom Rind hergestellt? |
Nach Angaben des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) wird in Deutschland mehr als die Hälfte aller Arzneimittel mit Hilfe von Körperbestandteilen- oder produkten von Tieren hergestellt. Zu solchen tierischen Materialien gehören außer Wirkstoffen wie Rinderinsulin auch Hilfsstoffe wie Gelatine, die für sämtliche Kapseln benötigt wird, Lactose (Milchzucker) als Trägerstoff und Stearate (Fette), die in praktisch allen Tabletten als Bindematerial enthalten sind. Laut BfArM konnte für keines dieser Produkte jemals mit absoluter Sicherheit eine Kontamination mit BSE- bzw. vCJK-Erregern ausgeschlossen werden.
| 24. Was tut die Pharmaindustrie zum Schutz der Patienten? |
"Etwa 70 Prozent aller Medikamente enthalten Rindermaterialien. Das Thema BSE betrifft uns also nicht erst seit vergangener Woche", sagt Dr. Elmar Kroth, Chemiker beim Bundesverband der Arzneimittelhersteller (BAH). "Bereits Anfang 1994 wurden aller Hersteller aufgefordert, die Sicherheit ihrer Arzneimittel anhand verschiedener Parameter zu ermitteln - mit der Grundannahme, dass eine Übertragung von BSE auf den Menschen prinzipiell möglich ist und der Erreger trotz Verwendung von Materialien aus vermeintlich BSE-freien Ländern in die Herstellung gelangen könne." Zu dem 20-Punkte Schema zählen Angaben über Herkunft und Aufzucht der Tiere, Art des verwendeten, tierischen Gewebes bzw. Produkts (Milch), die Applikationsform (zum Beispiel äußerlich als Salbe, oral, intravenös, etc.) und das Potential des Herstellungsverfahrens, eventuell doch enthaltenen Erreger sicher abzutöten. "Wer keine 20 Punkte erreicht, ist weg vom Markt", betont Kroth. Im Gegensatz zur Lebensmittelindustrie benutzen die Pharmaproduzenten überwiegend Rindergelatine für alle Kapseln. Schädel, Rückenmark und Wirbelknochen sind von der Gelatineproduktion ausgeschlossen. Das Ausgangsmaterial wird in Kalziumhydroxid bei einem alkalischen pH-Wert von 12,5 über 45 Tage gelagert und bei 138-140 Grad Celsius sterilisiert. "Arzneimittel sind keine Dosensuppen. Wenn Sie etwas ändern, müssen die Präparate neu zugelassen werden. Das kostet viel Zeit", warnt der BAH-Chemiker.
| 25. Kosmetika enthalten oft Collagen oder Placenta-Extrakte. |
In fötalem und Gebärmutter-Gewebe konnten bisher keine Prionen nachgewiesen werden. Auch ist die Ansteckungsgefahr bei äußerlich aufgetragenen Substanzen relativ gering. Inzwischen verzichten zahlreiche deutsche Kosmetikhersteller ganz auf Rinderbestandteile. Wer aber bezüglich BSE kein Risiko eingehen will, sollte auf Produkte aus pflanzlichen Zutaten ausweichen.